Friedrichswalde
Geführte Wanderungen und Radtouren durch den Barnim

News

Schätze aus der Dampferzeit

Als Bootsmann hat Otto Melle vor rund 60 Jahren den Oder-Havel-Kanal befahren. Später war er in der Direktion für Binnenschifffahrt für die Wasserstraße zuständig. Seine gesammelten Dokumente hat der heutige Rentner jetzt dem Schifffahrtsmuseum Oderberg übergeben.

Otto Melle erinnert sich noch genau daran, wie er das erste Mal mit dem Schiff durch Oderberg fuhr. "Es war im Sommer 1947. Die Häuser links und rechts waren noch stark kriegszerstört", erzählt der weißhaarige Mann und wirkt dabei sehr klar und konzentriert. Melle, damals gerade 18 Jahre alt, war Bootsmann auf einem Transportschiff, das zwischen mehreren Städten verkehrte. "Wir haben in Halle Möbel aufgeladen, die nach Westberlin transportiert werden sollten. In Ostberlin haben wir dann Zement aufgelanden, der nach Stettin gebracht wurde", so Melle.

Einige dieser Fahrten führten auch den Oder-Havel-Kanal entlang. Doch in dem Städtchen Oderberg hat Melle erst jetzt, 62 Jahre nach dieser ersten Begegnung, festgemacht. Dem Binnenschifffahrtsmuseum Oderberg übergab der heute in Berlin lebende Rentner seine gesammelten Schätze aus einer 47-jährigen Berufslaufbahn. Darunter befinden sich Fahrtenbücher, Hafengesetzbücher, Frachtdokumente und Pläne von Schiffen, die längst nicht mehr die Flüsse und Kanäle befahren.

Besonders stolz ist Melle auf ein kleines, grünes Buch aus dem Jahr 1939. "Das ist ein altes Binnenschifffahrtsgesetz. Dort standen wichtige Regeln für die Schiffer drin, etwa Hafen- und Frachtordnungen. Historisch gesehen ist es ein richtiges Goldstück", sagt Melle. Einen speziellen Platz in der Sammlung haben auch mehrere alte Frachtbriefe. "So ein Brief war bares Geld Wert. Denn der Besitzer des Frachtbriefes war auch Besitzer der Ladung eines Schiffes. Solche Papiere wurden an Banken gehandelt", erläutert Otto Melle das Prinzip, nach dem noch heute gearbeitet wird. Doch die Frakturschrift auf den Bögen verrät, dass sie aus ganz anderen Zeiten stammen - einige noch aus dem Zweiten Weltkrieg.

Noch älter ist der "Kalender für Märkische Wasserstraßen", der aus dem Jahr 1925 stammt. "Darin war verzeichnet, wo ein Binnenschiffer langfahren musste und welche Signale er an bestimmten Stellen zu setzen hatte", so Melle.

Zu den vielen Tabellen und Zahlen, Kilometer- und Wasserstandsangaben hat Melle nicht nur in seiner Zeit auf Dampfern und Schleppkähnen einen Bezug aufgebaut. Denn einen Großteil seiner aktiven Zeit hat der in Magdeburg geborene, gelernte Reedereikaufmann auch als Hafenmeister und in Verwaltungen gearbeitet. In der Ostberliner Direktion für Binnenschifffahrt, dem späteren "Kombinat Binnenschifffahrt und Wasserstraßen", war er als Direktor für Ökonomie für Flüsse und Kanäle wie die Oder-Havel-Wasserstraße zuständig. Unter anderem zählte das Schiffshebewerk Niederfinow zu seinem Aufgabenbereich: "Ich erinnere mich daran, wie wir dort in den 70er Jahren einmal die Seile austauschen mussten", erzählt er.

Die prägendsten Erfahrungen scheint Otto Melle jedoch in der Zeit gesammelt zu haben, als er die Kanäle noch selbst befuhr. Er spricht einnehmend und eindringlich, wenn er erzählt: "Ich habe noch eine Zeit erlebt, in der es auf Schiffen ganz anders zuging. Einmal bin ich auf einem Dampfschiff gefahren, in dem wir uns zu viert eine Kajüte im Bug teilen mussten. Ein eiserner Ofen stand in der Mitte, auf dem sich jeder sein Essen gekocht hat", schildert Melle. Und manche Dinge gab es auch, die man heute wohl genauer nimmt: "Als ich Bootsmann war, sollte ich auch manchmal das Schiff lenken, wenn der Schiffsführer frühstücken wollte. Der hat dann einfach aus dem Fenster Anweisungen gegeben", erzählt Melle mit einem gewissen Vergnügen.

Die Dokumente, die er in mehreren Kartons nach Oderberg gebracht hat, sollen dort in einer eigenen Ausstellung gezeigt werden. So Karsten Förster, Vorsitzender des Fördervereins des Museums: "Diese Dinge gehören auf jeden Fall in einen eigenen Bereich. Unser Plan ist, eine Ausstellung mit Herrn Melles Sammlung auf unserem Raddampfer Riesa einzurichten". Laut Förster werden die neuen Exponate voraussichtlich Ende 2009 oder Anfang 2010 zu sehen sein.

Einen Ehrenplatz wird dabei das Steuerrad eines ungarischen Schiffes bekommen, das Otto Melle dem Museum vermacht hat. Denn dabei handelt es sich um ein persönliches Geschenk: "Mitarbeiter der ungarischen Schifffahrtsgesellschaft Mahart haben mir das vor fast 40 Jahren mitgebracht, als sie ihre Ferien in Grünheide bei Berlin verbrachten", erzählt er. Und fügt hinzu: "Die Schifffahrtsgesellschaft Mahart existiert übrigens heute noch."

Binnenschifffahrtsmuseum, Hermann-Seidel-Straße 44, 16248 Oderberg. Telefon: 033369 470, Internet: www.bs-museum-oderberg.de

Claas Greite/MOZ

<<< zurück
SUCHE